Der Limes
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Die Grenze des Imperiums

Zu Beginn des 2. Jahrhunderts erreicht das Römische Reich unter Kaiser Trajan den Höhepunkt seiner Macht und seine größte Ausdehnung. Die Kontrolle und Sicherung der Provinzen war jedoch ein ganz anderes Thema. 

Trajans Nachfolger Hadrian begradigte die Grenzverläufe und sicherte diese durch zusätzliche künstliche  Anlagen, wo natürliche geographische Hindernisse wie Flüsse oder Gebirge nicht ausreichten. Der Limes in seiner modernen Bedeutung als Grenze verlief in Britannien als Steinmauer, folgte in der Provinz Niedergermanien dem Rhein und war in Obergermanien als Holzpfostenmauer angelegt. In Raetien wiederum wurde Stein als Baumaterial bevorzugt, bevor weiter östlich die Donau als Grenzfluß diente. Die mühsam eroberte Provinz Dakien wurde im Norden wiederum durch ein Wall- und Grabensystem gesichert.
 Wachtürme und Kastelle gibt es auch im Orient, wo sich die Limeslinie durch Syrien, Mesopotamien und Arabien zieht und stetigen Bedrohungen ausgesetzt war.
Die Nordafrikanischen Provinzen wurden an ihrem Südrand zur Sahara hin nicht durchgängig gesichert, hier beschränkte sich Rom mit einigen Ausnahmen auf die Präsenz an wichtigen Verkehrspunkten und größeren Städten. Die Sicherung von Wasserstellen und Bodenschätzen stand hier im Vordergrund. In Ägypten, einer der reichsten und wichtigsten Provinzen, sperrte der Eastern Desert Limes den Bereich zwischen Nil und Rotem Meer. 

 

 

 

Der Limes in Obergermanien

Über den Feldzug von Kaiser Domitian gegen die Chatten im Jahre 83 n.Chr. schreibt der römische Militärschriftsteller Sextus Iulius Frontinus: "Als die Germanen nach ihrer Gewohnheit aus Waldschluchten und dunklen Verstecken heraus die Römer immer wieder überfielen und dabei einen sicheren Rückzug in die Tiefen des Waldes hatten, ließ Domitian mehrere breite Schneisen (limites) 120 Meilen in den Wald vorantreiben".

Dies kennzeichnet gewissermaßen den Ursprung der Befestigungsanlagen, die sich innerhalb von rund 20 Jahren zu einer Kette von Kastellen, Nachschublagern und Wachtürmen entwickelten. Der Begriff "Limes" für diese Grenzbefestigungen ist ein moderner Begriff, i In der Spätantike wurden die Anlagen in Germanien noch als "Munimentum Traiani" bezeichnet, als "Festung des Trajan"

Um den Waren- und Personenverkehr besser kontrollieren und steuern zu können, wurde spätestens unter Kaiser Hadrian um 120 n. Chr. in Obergermanien mit dem Bau einer Palisade begonnen, wie dendrochronologische Ergebnisse zeigen. Bald darauf wurden die alten baufälligen Holztürme durch Steintürme ersetzt.

   
 

Holz war der Energieträger der Antike, es bestand ein immens hoher Bedarf an Holz unter anderem für den Bau von Gebäuden, zum Heizen, Kochen, zum Brennen von Ziegeln und zur Herstellung von Kohle, ganz abgesehen von der Limespalisade, für die ganze Wälder weichen mussten. An vielen Orten wurde deshalb die Limespalisade nicht instand gehalten, sondern wurde durch einen Graben mit Wall ersetzt. Von der Funktion her leistete dies den gleichen Dienst: Wall und Graben blockierten den Übergang für Fuhrwerke.

 

 

Funktion

Die militärische Funktion der Limesanlagen war kaum nennenswert. Eine Palisade oder ein einfacher Graben konnte kein organisiertes Heer aufhalten. Aus diesem Grund betrieben die Römer eine aktive Politik der "Vorfeldsicherung", indem man im freien Germanien vor allem befreundete Germanenstämme ansiedelte. Durch Bündnispolitik, militärische Präsenz, die Stellung von Geiseln und Geschenke an die germanische Oberschicht konnte man über Jahrzehnte hinweg eine friedliche Koexistenz von romanisierten Provinzbewohnern und ihren germanischen Nachbarn gewährleisten. Die Funktion des Limes war hier eine Kontrolle des Grenzverkehrs, er bildete eine völkerrechtlich verbindliche Trennlinie.

Die starke Truppenpräsenz ist dabei auf ganz andere Ursachen zurückzuführen. Das freie Germanien war ein rechtloses Gebiet, in dem alleine der Stärkere seine Ansprüche durchsetzen konnte. Bei Hungersnöten oder anderen Katastrophen war es daher allgemeiner Brauch, sich die notwendigen Nahrungsmittel beim "Nachbarn" zu beschaffen, oder besser noch, sich mit seinem nächsten Nachbarn zu verbünden, um den übernächsten Nachbarn zu überfallen. Die römische Provinz muss auf einen Germanen wie ein antikes Schlaraffenland gewirkt haben: Befestigte Straßen und Gebäude aus Stein, Thermen, Theater, Gutshöfe und eine fortschrittliche Landwirtschaft mit Überschussproduktion zur Versorgung ganzer Städte. Ohne militärische Sicherung wären diese Errungenschaften schnell ein Opfer plündernder Räubertrupps geworden, deren Abwehr nun in den Händen der Limestruppen lag.

 

Der Limes in Obergermanien um 125 n. Chr. nach neuesten archäologischen Befunden: Die Steinsockel der frühen Holztürme waren nicht überall in Obergermanien üblich. Eine einfache Palisade ohne Wall und Graben sichert leitet den Grenzverkehr zu festen Übergängen, ein Patrouillenweg verläuft hinter dem Zaun. Die Pfosten bestehen aus mittig gespaltenen Holzstämmen und stehen nicht dicht an dicht, sondern in einigem Abstand. Die glatte Seite zeigt dabei nach Germanien. Zeichnung: (c) Michael Slansky

 

Die Limestruppen

Der Dienst in der römischen Armee war auch für Nicht-Römer sehr attraktiv. Schon lange vor dem Bau des Limes wurden solche Hilfstruppen den Legionen zur Seite gestellt, sei es durch freiwilligen Dienst oder durch gewaltsames Ausheben von Truppen in den besetzten Gebieten. Dass letzteres nicht unproblematisch war, zeigt der Aufstand der Bataver in den Jahren 69 und 70 n.Chr. Die Folge war eine Neuorganisation der Hilfstruppen, die nun vor allem weit weg von der Heimat eingesetzt wurden. Während die Legionen im Hinterland als starke militärische Macht positioniert und immer wieder an die militärischen Brennpunkte im Imperium verlegt wurden, blieb die Überwachung der Grenzgebiete in den Händen von Hilfstruppen oft fremdländischer Herkunft. Damit wurde ein Kulturaustausch in Gang gesetzt, der auch für die normale Bevölkerung vor Ort von großer Bedeutung war. Neben dem reinen Warenaustausch wurden so z.B. auch orientalische Glaubensvorstellungen, wie der Mithraskult, importiert. Auch die Vermischung mit der lokalen Bevölkerung, die Finanzkraft der gut bezahlten Soldaten und deren "Kulturprogramm" mit Theatern und Badehäusern sorgte innerhalb weniger Jahre dafür, dass sich bald eine eigenständige provinzialrömische Kultur am Limes herausbildete. Die Hilfstruppensoldaten erhielten nach 25 Jahren Dienst das römische Bürgerrecht und konnten eine Familie gründen. Den ehemaligen Soldaten und ihren Nachkommen waren damit  alle öffentlichen Ämter zugänglich, die nur römischen Bürgern vorbehalten waren. Neben weiteren Vorteilen fiel beispielsweise ein Bürger auch direkt unter die Gerichtsbarkeit des Kaisers, bzw. seines Statthalters und durfte nicht ohne weiteres festgenommen werden. Die Aussicht auf das Bürgerrecht zusammen mit der guten Bezahlung, der Versorgung mit Nahrungsmitteln und des Jahrzehnte langen Friedens machte den Dienst bei den Hilfstruppen daher durchaus attraktiv.

Weitere Informationen zu den Auxilien erhalten Sie hier !

Auxiliar aus trajanischer Zeit
Zeichnung: (c) Michael Slansky

Das Ende

Bereits die Markomannenkriege unter Kaiser Mark Aurel in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts deuteten eine Entwicklung an, die schließlich zur Aufgabe des Limes führen sollte. Germanische Völkerschaften drangen plündernd tief in das Imperium vor und konnten nur unter großen militärischen Anstrengungen zurückgedrängt werden. Während der Herrschaft des Caracalla (211-217) waren es die elbgermanischen Alamannen, die nun auch an Rhein und Donau den Limes überschritten und als mehr oder weniger organisierte Räuberbanden an Rhein und Donau tätig wurden. Die moderne Wissenschaft vermutet als Ursache unter anderem eine Veränderung des Klimas, das vor allem bei den Germanen zu Dürre und Hungersnöten geführt hat und diese dazu zwang, in der reicheren Provinz die nötigen Nahrungsmittel (und nebenbei auch andere Reichtümer) zu rauben.  Caracalla organisierte Strafexpeditionen und veränderte die Struktur der Limesbefestigungen.

Im Jahre 233, als sich Kaiser Severus Alexander mit einem großen Teil der an Rhein und Donau stationierten Einheiten im Feldzug gegen die Perser befand, nutzen die Alamannen erneut die Gunst der Stunde und zogen plündernd durch Obergermanien und Raetien. Dabei wurde auch ein großer Teil der Kastelle und  des Hinterlandes in Mitleidenschaft gezogen. Obwohl Severus Alexander in Eilmärschen zurück nach Westeuropa  zog, zögerte er einen Feldzug gegen die Alamannen hinaus und wurde daraufhin von seinen Truppen ermordet. Das Imperium Roman befand sich in einer tiefen Krise, und die Nachfolger Severus Alexanders regierten immer nur wenige Jahre. Trotz eines anfänglichen Wiederaufbaus belegen zahlreiche Hortfunde und Münzschätze, dass immer wieder neue Germaneneinfälle stattgefunden haben. 254 n.Chr. werden schließlich große Truppenverbände erneut nach Persien abgezogen, während auch am Donaulimes in Dakien und Pannonien wiederum Markomannen und Goten plündernd in das Imperium eindringen. Auch am Niederrhein überschreiten die germanischen Franken die Grenze. Als Kaiser Valerian in Persien vom Sassanidenkönig Shapur gefangengenommen und getötet wird, stürzt das Reich in eine weitere schwere Krise. Germanen überrannten den Limes an allen Fronten und drangen bis nach Italien vor. Postumus wurde als Gegenkaiser eines Gallischen Sonderreiches ausgerufen, der mit eigenen Truppen versuchte, die Barbaren zurückzudrängen. Zerstörungshorizonte belegen jedoch, dass die Kastelle und Zivilanlagen am obergermanischen Limes um 260 n.Chr. aufgegeben wurden.


Gefallene Barbaren nach der Schlacht von Nasium, 2008. © PiXures - Maréchal Jacques

Auch wenn die Macht Roms zunächst nicht ausreichte, um seine Ansprüche militärisch durchzusetzen, so blieb der rechtliche Anspruch auf das ehemalige Reichsgebiet weiter erhalten. Als nach den Plünderungszügen Ruhe eingekehrt war, siedelten Germanen an den alten römischen Plätzen und wurden kurzerhand zu "Foederaten" erklärt. Sie sicherten damit die Rheingrenze im Vorfeld und erhielten im Gegenzug sogar Soldzahlungen, wie der Geldumlauf archäologisch nachweist. Der Pragmatismus war ein ureigene Maxime der Römischen Politik.

Hundert Jahre nach dem Limesfall, bei dem die Grenze auf die Donau-Iller-Rhein-Linie zurückverlegt wurde, bricht Kaiser Julian zu einem Feldzug in das ehemalige Obergermanien auf und setzt, dem Geschichtsschreiber Ammian nach, sogar einige der alten Kastelle wieder instand, jedoch ohne nachhaltigen Erfolg.

Die Donau-Iller-Rhein-Linie hatte trotz weiterer Germaneneinfälle bis ins 5. Jahrhundert n.Chr. Bestand.